Ein Tag im Leben einer leitenden OP-Pflegerin

Bohrer, Querbolzen, Säge  - und Kompressen

Ein Tag im Leben einer leitenden OP-Pflegerin: Natascha Meurer gibt Einblicke in den Arbeitsalltag im St.-Martinus-Krankenhaus

Im Moment ist „Fraktur-Wetter“ – zahlreiche Knochenbrüche müssen auf dem OP-Plan Platz finden.

Bohrer, Querbolzen und Sägeblätter – anhand der Beschilderung auf dem Schrank vor mir könnte man meinen, ich befinde mich im Lagerraum eines Handwerkers. Und irgendwie stimmt das ja auch, der Arbeitsbereich, in den ich heute hineinschnuppern darf, hat immerhin auch viel mit handwerklichem Geschick zu tun. Kompressen, Tupfer und Bauchtücher verraten aber: Hier geht es nicht um Möbel oder Häuser, sondern um Menschen(leben). Ich bin im St.-Martinus-Hospital in Olpe und werde die leitende OP-Pflegerin, Natascha Meurer, ein wenig bei ihrer Arbeit begleiten.

Gemeinsam mit Chefarzt Dr. Reinhard Hunold koordiniert sie die Arbeit im OP. Wenige Minuten zuvor hat sie mich auf dem Gang vor dem OP-Bereich freundlich begrüßt. In der Umkleide wurde ich mit grüner OP-Kleidung, Kopfhaube und Schuhen ausgestattet, und derart angepasst an meine Umgebung stehe ich nun mit ihr vor dem großen Schrank mit den vielen Schubladen. Wie bei Apothekerschränken kann man diese weit herausziehen, um Kompressen, Tupfer und Co. gut verstauen bzw. schnell herausholen zu können. Für manche Operationen gibt es vorgepackte Sets, für andere werden die Materialien selbst zusammengestellt. Natascha Meurer scannt die Barcodes der Teile ein, die nachbestellt werden müssen. Nur wenige Stunden später wird diese Bestellung auf ihrer Etage darauf warten, dass sie damit wieder die Schränke auffüllt. Die Namen der Sets klingen für unsereins fremd: Shunt, Laparoskopie oder Mamma. Hinter letzterem verbirgt sich alles, was mit der weiblichen Brust zu tun hat. Laparoskopische Eingriffe betreffen die Gallenblase, und ein Shunt wird in der Gefäßchirurgie für die Verbindung zwischen Vene und Arterie genutzt.

Auf dem Flur wuseln Ärzte, Schwestern und Pfleger herum, die OP-Türen gehen auf und zu, ich erhasche Blicke auf Tische mit Patienten. Mit einigen wird noch gesprochen, bei anderen hat schon der Anästhesist seine Aufgaben übernommen. Auf dem Flur wird es langsam ruhiger. Um Punkt 7.30 Uhr beginnt die Arbeit in den Sälen, jede Minute später kostet bares Geld: 40 bis 50 Euro müssen für 60 Sekunden Arbeit im OP berechnet werden. Die Auslastung der Säle – in Olpe gibt es vier Säle in der oberen Etage für kleinere und ambulante OPs, zwei Säle auf diesem Gang und weitere zwei Säle im Untergeschoss – hat daher oberste Priorität. Wartezeiten im OP kann sich kein Haus leisten, weshalb eine gute Organisation unabdingbar ist. Ja, ein Krankenhaus ist längst schon ein Wirtschaftsunternehmen, bestätigt auch Natascha Meurer. Die 46-Jährige ist fertig mit dem Einscannen der benötigten Materialien und ich folge ihr ins Büro. Auf dem Flur sehe ich, wie das Personal prüfende Blicke auf den Bildschirm mit dem OP-Plan für den Tag wirft. Hat sich schon etwas verändert? „Ich teile die Mitarbeiter wenn möglich am Tag zuvor ein, damit sie wissen, was auf sie zukommt“, erklärt Natascha Meurer. Das betrifft freilich nur die geplanten Eingriffe. Wenn ein Notfall wie etwa ein Poli-Trauma nach einem Unfall (mehrere Verletzungen, lebensbedrohlicher Zustand) oder ein Not-Kaiserschnitt dazukommt, muss Natascha Meurer umplanen. Im Moment ist „Fraktur-Wetter“ – zahlreiche Knochenbrüche müssen irgendwo Platz finden. Es herrscht ein größerer Verbrauch an Schrauben, Platten und Implantaten. All das muss Natascha Meurer im Blick behalten, auf Notfälle flexibel reagieren können. Ständig klingelt ihr Telefon.

Nachdem sie die Bestellungen abgeschickt hat, führt sie mich herum. Wir gehen durch das Sterilgutlager, sie zeigt mir den Aufwachraum und die beiden PCs, an denen die Ärzte ihre OP-Berichte diktieren oder sich Röntgenbilder anschauen. Und ich darf bei einer Operation am Anfang dabei sein. Dafür muss ich mein Outfit mit einem Mundschutz ergänzen und mir zum gefühlt hundertsten Mal die Hände desinfizieren. Wie oft man das pro Tag wohl macht? Natascha Meurer lacht. Das zählt hier niemand, weil es wie selbstverständlich dazugehört.

Es geht wieder zurück in ihr Büro. Ein Patient ist nicht gekommen, die OP wird abgesagt. Natascha Meurer ruft auf einer Station an, ein anderer Eingriff kann vorgezogen werden. Ich verstehe immer mehr, warum einem als Patient nie genau gesagt werden kann, wann man in den OP kommt. Als OP-Koordinatorin hat Natascha Meurer viel mit diesen organisatorischen, aber auch administrativen Aufgaben zu tun: Kontrollieren der Rechnungen, Nachbestellungen von Kaffee, Tee und Milch für das Personal, Krankmeldungen der Mitarbeiter. „Meine Mitarbeiter haben eine hohe Einsatzbereitschaft, wenn sich da jemand krank meldet, ist er wirklich krank.“ Während eine leichte Erkältung beispielsweise kein Hinderungsgrund ist, heißt es hingegen etwa bei Halsschmerzen sofort: Ab nach Hause! Schließlich hat die Sicherheit der Patienten oberste Priorität – das betrifft die sterile Umgebung ebenso wie die gewissenhafte Arbeit der Mediziner. Aus der Sicht der Profis besteht daher kein Grund zur Sorge oder gar Angst vor einem operativen Eingriff. „Man wird nirgendwo so gut überwacht wie während einer OP“, unterstreicht Natascha Meurer und zählt mir folgendes auf: Bei kleineren Operationen wie etwa einer Entfernung der Gallenblase oder bei Brüchen befinden sich  ein Operateur,  ein Assistenzarzt, ein OP-Pfleger, der Instrumente am Tisch anreicht, ein Springer, der den Patienten lagert und die OP dokumentiert, ein Anästhesiearzt, und ein Anästhesiepfleger im OP. Bei größeren Operationen erhöht sich die Anzahl nochmal deutlich. Auch wenn sich das wirklich beruhigend anhört, hat Natascha Meurer viel Verständnis für die Patienten, die nicht ohne Grund eine Prämedikation bekommen, bevor es Richtung OP geht. „Die Patienten kommen meist benebelt zu uns, weil sie Beruhigungsmittel verabreicht bekommen, um ihnen die Ängste zu nehmen und die Aufregung zu verringern. Sie reden zwar noch, aber können sich nachher meistens nicht daran erinnern. Und das ist auch gut so.“ Der kurze persönliche Kontakt ist auch für das OP-Personal wichtig, wie Natascha Meurer aus eigener Erfahrung weiß: „Ich habe vorher lange auf der Intensivstation gearbeitet. Dort hat man einen ganz engen Kontakt zu den Patienten, die eben leider manchmal nicht mehr gerettet werden können. Das konnte ich irgendwann nicht mehr ertragen.“

Die Anonymität, die die Arbeit im OP bietet, ist da etwas ganz anderes, weswegen sie vor 20 Jahren gerne das Angebot angenommen hatte, die Stelle im OP für eine schwangere Kollegin zu übernehmen. Seit über drei Jahren ist sie nun die leitende OP-Pflegerin und hat sichtlich viel Freude an dem stressigen Job. „Man muss hochkonzentriert, flexibel und schnell sein und viel Organisationstalent haben.“ All das läuft bei Natascha Meurer wie am Schnürchen, selbst die Gespräche mit mir bringen sie überhaupt nicht aus dem Konzept. Während sie mir Dinge und Abläufe erklärt, erledigt sie ihre Aufgaben problemlos weiter und behält über alles den Überblick. Dabei hilft ihr natürlich auch ihre Stellvertreterin Beatrix Dransfeld, die an diesem Tag „zwischen den Sälen“ ist: Sie ist nirgendwo fest eingeteilt, sondern löst die Springer im OP für eine Pause ab. „Es macht totalen Spaß, hier zu arbeiten. Wir sind ein ganz erfahrenes Team, jeder kann sich auf jeden verlassen, jeder springt für jeden ein.“ Der Umgang ist nett und lustig, es werden Späße gemacht. „Nur so geht es“, betont Natascha Meurer. „Wir verbringen mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause. Das hier ist meine Familie.“ Dass der Ton während einer OP auch mal etwas rauer werden kann, nimmt hier niemand übel. „Das ist eine Hochstresssituation, da kann es eben auch mal ruppiger werden.“

Die Arbeit in ihrer Abteilung hat einen guten Ruf: Die Auszubildenden wollen gerne bleiben und kommen wieder, falls nicht direkt eine Stelle frei ist. Derzeit arbeiten acht Auszubildende im Olper OP. Eine davon ist das Kind der Mutter, für die Natascha Meurer damals die Stelle im OP übernommen hat. „So schließt sich der Kreis“, kommentiert sie strahlend und führt mich in einen weiteren Gang zur zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA). Während viele Materialien nur einmal benutzt werden, sind zahlreiche Instrumente zur Wiederverwendung bestimmt. Dazu kommen sie nach einer OP in die interne, dem OP angeschlossene ZSVA. Auf der „unreinen“ Seite werden sie in einem Reinigungs- und Desinfektionsgerät gesäubert, auf der „sauberen“ sortiert, kontrolliert und gewartet und in einem „Sieb“ (erinnert tatsächlich etwas an das einer Fritteuse) im Sterilisator behandelt. Dann warten sie verpackt in Containern auf den nächsten Einsatz.

Wir laufen wieder in die andere Richtung, ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon den Flur hinauf- und hinuntergelaufen bin, mit einem Schreibtischjob hat das hier wahrlich nichts zu tun. Im sogenannten Sozialraum treffen wir auf Ärzte, Pflegepersonal und Reinigungskräfte, die zusammensitzen, Kaffee trinken oder belegte Brötchen essen, die auf großen Tabletts auf dem Tisch stehen. Die Verschnaufpause ist kurz, schon klingelt wieder das Telefon. Der Patient, der zunächst nicht gekommen war, ist nun doch da und soll dazwischen geschoben werden. „Da werden K-Drähte entfernt (Verbindungen bei einem Bruch, Anm. d. Red.), das ist ein schneller ambulanter Eingriff.“ Und die werden am Anfang des Tages abgearbeitet, weil die Patienten ja anschließend wieder nach Hause gehen können. Natascha Meurer ruft in dem Saal an, in dem wir vorhin kurz zugeschaut haben. In einer halben Stunde können dort die K-Drähte entfernt werden.

Anschließend schaut sie nach, ob die Bestellung vom Morgen schon da ist. Ist sie, auf Rollwagen warten große Pappkartons auf sie. Schnell räumt sie die Arbeitsmaterialien in den großen Schrank mit den vielen Schubladen ein. Es ist mittlerweile Vormittag und ich verabschiede mich von Natascha Meurer. Sie wird sich noch mit dem Dienstplan für den morgigen Tag beschäftigen, hier und da einem Springer eine Pause ermöglichen und noch unzählige weitere Telefonate entgegennehmen. Noch in diesem Jahr möchte sie die Weiterbildung zum OP-Manager machen – um noch effektiver und optimierter arbeiten zu können.

Quelle: Siegener Zeitung, Ausgabe 02.02.2019

 

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